„Tante Elfriede ist unglaublich pedantisch“

Am 12. Juli 1964 schrieb meine knapp 21-jährige Mutter, die abwechselnd in Wien und in Rotterdam gelebt und gearbeitet hatte, mal wieder einen langen Brief an ihre Schwester und ihre Mutter nach Rotterdam. Sie hatte am 1. Juli eine Stelle bei der Deutschen Bank in Köln angetreten und sich dort für den ersten Monat bei Verwandten eingemietet. Doch das Zusammenleben gestaltete sich für beide Parteien nicht ganz einfach, und am Ende blieb meine Mutter nur zehn Tage.

„Liebste Lieben!
Ein großes Felsengebirge fiel mir gestern vom Herzen, als ich die Beine genommen hatte von Tante Elfriede. Keine Angst, ich habe mich nicht übermäßig schlecht benommen und ich kann sie noch jederzeit besuchen kommen, wenn ich das will. Wenn ich jetzt an die Zeit dort zurückdenke, wundere ich mich, daß ich solange geblieben bin. Ich mag keine Krebse, beim besten Willen nicht. Sie war immer freundlich, ich hab nie gewußt, wann sie sich geärgert hat, immer nur Lächeln, wie ein Chinese. Da hab ich langsam begonnen, mich illerich zu fühlen. Humor hat sie überhaupt keinen. Wenn ich da an Piffelchen [„Piff“ lautete der Spitzname ihrer Mutter, sie selbst war „Paff“] denke, wenn Elfi [ihre Schwester] was komisches sagte und er schielte mich an, ohne weiter das Gesicht zu bewegen, und das vergleiche mit der eintönigen Klagestimme von Tante Elfriede, die ja so viele Leiden hat, wirklich, ihr hättet euch auch nicht wohl gefühlt. Wenn ihr vielleicht auch durchgehalten hättet. Aber was habe ich davon. Ich sitze jetzt in einem Hotel, kann machen, was ich will, brauche auf niemanden Rücksicht zu nehmen, höre keine Klagetöne […] und es kostet mich bis Ende Juli 200 DM. Also 10 DM pro Nacht. Ich hab es wirklich dafür über. Für was hat man denn Geld, wenn man es sich dafür nicht so angenehm wie möglich macht. Außerdem lebt man nur einmal, warum soll man sich da 20 unglückliche Tage besorgen, wenn man es nicht nötig hat. […]

Daß ich krank war, hab ich ja schon geschrieben, da war Tante Elfriede sehr sehr lieb zu mir, hat mich sogar einmal ganz lieb gestreichelt, aber sie liegt mir halt nicht. Es ist ja viel zu viel um alles aufzuschreiben, werde euch in 2 Wochen alles genau erzählen. Tante Elfriede ist unglaublich pedantisch und ich glaube, wenn ich das sage, hat das schon was zu bedeuten. Wenn ich eine Zigarette geraucht hatte, mußte mein Aschenbecher in die Küche, die Asche mußte in ein Papier geschüttet werden, das immer auf dem Papierkorb bereit lag, damit man alles einwickelt, damit der Papierkorb nicht schmutzig wird und der Aschenbecher wurde gründlich abgewaschen. Alle Papierkörbe leerte sie täglich aus, jeden Tag hebt sie die Krümel von den Teppichen, jeden Tag staubt sie ab, jeden Tag macht sie alle Waschtische und die Toiletten sauber, nichts darf schief hängen, Teller stellt sie immer so am Tisch, daß das Muster zur Person schaut, auch die Tassen stellt sie so. Die Butter wird täglich verziert. Zucker und Milch stehen auf einer Untertasse, da ist ein Deckchen drauf. Auf dem Tisch kommt zuerst eine runde dicke Decke mit Gummi gezogen, damit sie fest sitzt, damit die Tischplatte nicht beschädigt wird, darauf kommt ein Plastiktuch, damit die Decke nicht schmutzig wird und darauf kommt das Tischtuch, damit man dann endlich essen kann. Aber für meinen Tee gab es noch ein extra Deckchen, damit das Tischtuch keine Ränder bekommt und daneben lag noch ein Deckchen, weil die Teekanne meistens zu heiß war, gleich wachsen mir Deckchen bei den Ohren und bei der Nase heraus. […]

Wenn ich in der Früh runter gekommen bin, war der Tisch schon immer gedeckt, mit all den tausend Deckchen. Mein Tee war meistens auch schon gemacht. Ich sagte immer guten Morgen, Tante Elfriede sagte guten Morgen, Ingrid, und Onkel Friedel auch. Dann begann ich zu frühstücken. Die Atmosphäre dabei fand ich meistens unbehaglich. Geredet hab ich nie viel. Onkel Friedel las meistens die Zeitungen und Tante Elfriede freute sich immer kolossal über Schauergeschichten, Morde, Verbrechen usw. Da lebte sie derart auf, und besprach es von vorn nach hinten und von hinten nach vorn und die Augen glänzten vor Freude. Ich glaub sie hat ein zu solides Leben geführt, daß sie dergleichen Freuden hat. […]

Alles Geschirr hat auch seinen bestimmten Platz, unglaublich, jeder Eierbecher, jedes Heferl, jedes Gläschen. Logisch, daß ich mir nicht alles gemerkt habe. Außerdem hab ich noch andere Eindrücke zu verarbeiten, die weitaus interessanter sind als Tante Elfriedes Haushalt. Die Stadt Köln, all die Straßen und Plätze, Lokale, die Menschen und ihre Sprache, die riesengroße Deutsche Bank mit all den Abteilungen, die 50 neuen Gesichter für mich auf der Abteilung Buchhaltung, die anderen Maschinen, die anderen Arbeitsvorgänge, wirklich interessanter als Tante Elfriedes Deckchen und Plätze fürs Geschirr. Ganz selten war sie etwas unfreundlich, da sagte sie, das habe ich dir aber schon gesagt, wo das hingehört. Im Übrigen war sie Chinese. Am Morgen vom Dienstag hatten wir den 1. Rusie, sie wollte wissen, wie ich mich wasche, weil ich nicht ihre zwei Waschlappen benutzte, die sie mir hingehängt hat. Ich sagte, ich wasch mich ohne Waschlappen, außerdem dusche ich mich ja mindestens 1 mal wöchentlich. Da pudelte sie sich schrecklich auf, sie wasche sich jeden Tag den ganzen Körper, da sagte ich noch immer freundlich lächelnd, „ja aber das tut ja fast niemand“, das schien sie besonders zu treffen, weiß heute noch nicht warum, sie brüllte: „Ja vielleicht in deinen Kreisen nicht!“ Ich sagte, nicht in meinen Kreisen, aber in meinem Alter (Schiach finde ich das von Leuten aus „besseren Kreisen“, daß sie immer darauf pochen, das wirkt auf mich so kleinbürgerlich, eine Frau von Welt, der es gut geht, erwähnt es nicht, man sieht es an ihrem zufriedenen Gesicht und ihrer Haltung, daß es ihr gut geht, die braucht keine Worte darüber zu verlieren. Sobald man das Bedürfnis hat anzugeben, ist man doch nicht richtig glücklich.) Sie sagte, ja ja, wie mans lernt. Ich sagte, meine Mutti hat keine Schuld, die sagt auch immer, man muß sich täglich waschen, aber ich finde es halt nicht nötig, solange ich noch nicht verheiratet bin. „Das hat mit dem Geschlechtsverkehr gar nichts zu tun“, plärrte sie, „da muß man sich sowieso hinterher waschen.“ Und dann erging sie sich in Beschreibungen wie: man geht ja auf die Toilette, macht sein Geschäft, geht pinkeln … nein sowas. Ich fand es klingen, wie wenn sie sich nie abwischen würde. Ich sagte nichts mehr. Hatte natürlich eine Pestlaune, als ich in die Arbeit ging, in der Früh bin ich besonders empfindlich. Ich werde immer dafür sorgen, daß ich nicht stink, wie und auf welche Manier finde ich bleibt jedem einzelnen Menschen selbst überlassen. Jeder Mensch ist doch anders. Am Abend kam ich krank aus der Firma und Tante Elfriede war wieder Chinese. Ich wurde auch Chinese. […]

Samstag: Ich stand um ungefähr ½ 10 h auf. Onkel Friedel und Tante Elfriede waren gerade mit Frühstücken fertig. Ich frühstückte, inzwischen klapperte Tante Elfriede in der Küche mit dem Geschirr, sie wusch ab. Infolgedessen schmeckte mir das Frühstück überhaupt nicht. Onkel Friedel sagte zu ihr: „Das hat doch Zeit.“ Sie sagte eisig: „Ich will ja weiterkommen.“ Ich wusch meine paar Stücke hinterher ab. Zum Geburtstag bekam sie mindestens 10 Buschen Blumen, die sie alle in Riesenvasen stellte, wo täglich das Wasser gewechselt werden muß und außerdem müßen die Blumen täglich geschnitten werden. Ich versprach ihr freitags, das zu tun. Nach dem Abwaschen ging sie sich um die Wäsche kümmern, die war über Nacht eingeweicht gewesen und auch schon ausgekocht, da wollte ich ihr ja auch helfen, aber sie sagte, ich sollte lieber die Bohnen in der Küche machen. Sie war sehr mufflert diesen Morgen, gar kein Chinese mehr. Während ich die Bohnen machte, kam der Bäcker, sie ließ ihn auch eben in die Küche, da fragte der: „Was haben Sie denn jetzt für eine schöne Hilfe?“ Da sagte sie: „Ja, sie ist noch neu und muß noch viel lernen.“ Ich lächtelte, doch wie’s drinnen aussieht, geht niemand was an. Angeben um jeden Preis. Wie wenn ich ihr Dienstmädchen wäre. […]

Nach den Bohnen fragte ich, ob ich noch was machen könnte, sie sagte nein. Ich setzte mich ins Zimmer, las und rauchte eine Zigarette. Dann ging ich euren Brief aufgeben. Als ich zurückkam, stand Tante Elfriede mit Märtyrermiene in der Küche und schnitt die Blumen. Ich sagte: „Aber das wollte ich doch machen.“ Sie sagte: „Ja du setzt dich hin und rauchst, da mach ich es lieber selber, bevor ich hundertmal frage. Wir hatten das doch gestern verabredet.“ Ich sagte, ich hab halt nicht mehr dran gedacht und in der Zeit, in der sie mir sagt, daß ich nichts mehr machen kann, hätte sie doch ebensogut gesagt, daß ich die Blumen noch machen soll. Da fing sie an zu keppeln. Ich müßte das alles selber sehen, sie, mit dem kranken Herz, hätte nicht mehr die Kraft soviel zu sagen, außerdem wüßte ich nach einer Woche noch immer nicht, wo alles hingehört, ich müßte schon sehr „dösig“ sein. Ich sagte: „Na gut, dann bin ich das halt, da kann ich doch nichts dafür.“ Und weil sie schon so schön im Zug war, sagte sie mir auch, wie „patzig“ sie es in der Früh klingen fände, wenn ich nur guten Morgen sage und nicht guten Morgen Tante Elfriede und guten Morgen Onkel Friedel. Onkel Friedel hätte sich auch schon darüber gewundert. Ich sagte ihr, ich wußte nicht, daß sie das so empfindet, wenn es so ist, kann ich ja besser ausziehen. Da sagte sie nichts mehr. Vielleicht dachte sie, das tu ich doch nicht. Wie schön ist es doch, wenn man nicht arm ist. Binnen ein paar Minuten ging ich weg. Fuhr in die Stadt, nahm mir ein Zimmer in einem ganz schönen Hotel, bestellte ein Taxi, fuhr wieder zurück, packte meine Koffer und verschwand. Tante Elfriede raunzte herum, ich solle nicht gleich davonlaufen, so arg wäre alles ja gar nicht, sie hätte ja gar nicht viel gesagt, sie wäre wie eine Mutter zu mir gewesen und hätte es mir ja auch wie eine Mutter gesagt, ich solle es ihr verzeihen. Onkel Friedel sagte, ich müßte schon sehr jähzornig sein, wenn ich gleich davonlaufen würde. Ich gab noch jedem freundlich die Hand, bedankte mich noch einmal herzlich. Die 50 DM bekam ich auch zurück. Und sagte ihr, es täte mir leid, aber ich kann mich halt nicht anpassen. Ich werde ihr noch meine genaue Adresse schreiben, damit sie mir die Post nachschicken kann, das tue ich auch wirklich. Und dann war der Bart ab. Gottseidank. Hoffentlich wird der Brief nicht zu dick. Heute um ½ 4 h werde ich abgeholt mit einem Sportwagen von einem Engländer, einer Französin und einem Deutschen, der schon jahrelang in Paris wohnt, der Engländer auch schon ein halbes Jahr. Jetzt mach ich aber Schluß und schreibe nichts mehr, bis ich Post von euch habe. Hunderttausend Bussis von eurem Paff

Meine Mutter

Bei meiner Mutter wurde im August 2013 Darmkrebs diagnostiziert. Sie starb vor zwei Wochen im Hospiz in Osnabrück. Ich fange erst langsam an, es zu begreifen. Dieses Nichts, das alles ist, das ich ihr nicht mehr sagen kann.