Die wunderlichen deutschen Titel französischer Filme

Als mir kürzlich der geradezu schockierend banal klingende Filmtitel „Maman und Ich“ unterkam, dachte ich, dass so doch wohl kein vernünftiger Mensch auf der Welt einen Film betiteln würde. Ich sah also nach, wie er im Original hieß. „Les garçons et Guillaume, à table!“ lautet der französische Titel, was so viel heißt wie: „Jungs und Guillaume, zu Tisch!“

Also sind da wohl doch noch mehr Personen beteiligt. Und etwas zu essen gibt es auch. Aber warum enthalten uns Filmumbetitler derart wichtige Informationen vor? Darüber kann man nur spekulieren. Ich für meinen Teil habe hier einige weitere Beweisstücke der letzten Jahre gesammelt.

Da wären etwa Filmtitel, die ursprünglich wenig oder gar nichts Französisches beinhalten – warum auch? – und die uns hierzulande aber anscheinend mit bekannten geografischen Namen irgendwie schmackhaft gemacht werden müssen. Aus „Avis de mistral“, also „Mistralwarnung“, wird „Ein Sommer in der Provence“. „Bowling“ heißt ganz einfach „Willkommen in der Bretagne“. Und „La blonde au seins nus“ wird zum teils ähnlich klingenden „Ein Sommer auf der Seine“. Nur dass das Original so viel bedeutet wie „die barbusige Blonde“. Welch ein Verlust.

[Zu obigem Abschnitt stellen Sie sich bitte noch ein Stockfoto mit Baguette, Eiffelturm, Camembert, Baskenmütze, Croissant und einer Flasche Rotwein vor.]

Eine Unterkategorie hiervon sind solche Filme, denen man im Deutschen einen Monsieur aufdrückt. Denn wir deutschen Frauen lieben die Monsieurs! Also wird aus „Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?“, in etwa „Was haben wir dem lieben Gott getan?“, der „Monsieur Claude und seine Töchter“. Aus „Les choristes“, den „Chorsängern“, werden „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Noch gewandter geht es bei „Faubourg 36“ zu, was mit „Vorstadt 36“ übersetzt werden kann, wobei keine bestimmte gemeint ist und die Zahl sich auf das Jahr bezieht. Dieser Film heißt bei uns „Paris, Paris – Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück“. Lesen Sie dazu gerne den nächsten Abschnitt.

Denn da hätten wir diejenigen Filmtitel, denen hinter einem Bindestrich irgendetwas Geistloses hinzugefügt wurde, damit wir eher gewillt sind, ins Kino zu gehen. „Coco avant Chanel“, also „Coco vor Chanel“, wird zu „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“. Gähn. Aus „Gainsbourg (Vie héroïque)“, zu Deutsch „Gainsbourg (Heroisches Leben)“, wird ein schmieriger „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“. Den Titel „Le premier jour du reste de ta vie“, also den „ersten Tag vom Rest deines Lebens“, traf es besonders hart: „C’est la vie – So sind wir, so ist das Leben“. Man möchte schreiend davonlaufen.

Außerdem sind da die Titel, die für deutsche Ohren einfach zu negativ klingen; die muss man dann in etwas Positives (aber auch möglichst Geistloses!) abändern. So wird aus „La cage dorée“, dem „goldenen Käfig“, einfach „Portugal, mon amour“. Das klingt dann auch gleich so schön französisch, wie wir es nun mal alle gernhaben. Aus „La guerre est déclarée“, was so viel heißt wie „der Krieg ist erklärt“, wird „Das Leben gehört uns“. Schön. Und wenn es auf Französisch heißt „Ni à vendre, ni à louer“, also „weder zu verkaufen, noch zu vermieten“, dann kann man da doch auch ein viel lebensfroheres „Holidays by the Sea“ draus machen.

Weitere Methoden wären die Zusammenfassung, zum Beispiel „Aimer, boire et chanter“, also „lieben, trinken und singen“, zu „Life of Riley“, denn diese Dinge macht man ja unter anderem im Leben. Aber wer ist Riley? Ach so, ist gar keine Zusammenfassung. Na ja. Man kann aber auf jeden Fall den Fokus ein wenig verschieben. Zum Beispiel aus „Le grand soir“, also „der große Abend“, „der Tag wird kommen“ machen. Oder man verallgemeinert ein bisschen. Wie bei „Une Estonienne à Paris“, also „eine Estländerin in Paris“, versus „Eine Dame in Paris“. Schließlich mag nicht jeder Estländerinnen!

Dann kann man auch noch überinterpretieren, wie geschehen bei „Parlez-moi de vous“, also „erzählen Sie mir etwas über sich“, das bei uns zu „Sag, dass du mich liebst“ wird. Ebenso kann man einen ernsten Titel in einen aus dem Filmtitelbaukasten verwandeln, etwa „Un jour mon père viendra“, also „eines Tages wird mein Vater kommen“, in „Väter und andere Katastrophen“. Zu abwegige Filmtitel eignen sich gleichfalls für den Baukasten, zum Beispiel „Le Skylab“, der bei uns „Familientreffen mit Hindernissen“ heißt. Oder „Anthony Zimmer“. Den kennt schließlich keiner, also wird schlicht „Fluchtpunkt Nizza“ draus. Oje. Ich glaub‘, ich muss hier auch mal kurz flüchten.

Getaggt mit ,

Ein Gedanke zu „Die wunderlichen deutschen Titel französischer Filme

  1. Rüdiger sagt:

    Formidable – oder auf gut deutsch: die Deutschen mäkeln wieder 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s